Du und Deine Schokoladenseite:
Zahlen auf den Tisch gelegt

Du und Deine Schokoladenseite: Zahlen auf den Tisch gelegt

Du und Deine Schokoladenseite:
Zahlen auf den Tisch gelegt

Es ist vielleicht drei oder vier Wochen her, da war es wieder einmal da. DAS Thema, das bei Fotoshootings regelmäßig für Diskussionen sorgt: die Schokoladenseite.

Wir standen in Montabaur am Großen Markt und waren fleissig am fotografieren als ich mein weibliches Model um einen Positionswechsel bat. Hatten wir bis dahin immer Profilfotos von der rechten Seite gemacht, wollte ich jetzt mal die Ansicht von links ausprobieren. Kurz gesagt: wir haben weiter von rechts halbfrontal fotografiert, weil sich die junge Dame freundlich aber bestimmt weigerte, mir ihre linke Seite zuzudrehen. So überzeugt war sie, dass Bilder von links einfach nichts werden könnten und rechts – ihre Schokoladenseite – auf Bildern immer besser aussehen würde.

Mir persönlich macht sowas erstmal nichts, ich finde ein Model sollte sich beim Fotografieren wohl fühlen und wenn der- oder diejenige sich auf einer Seite unwohl fühlt, wird man die Verunsicherung in den Bildern sehen können. Insofern richte ich mich da mit einem freundlichen Lächeln gerne entsprechend ein. Soweit – so gut.

Trotzdem hat mir die Thematik diesmal irgendwie keine Ruhe gelassen und ich bin ein bisschen mehr in´s Detail gegangen, habe tagelang gegoogelt und mich in diversen wissenschaftlichen Traktaten und Bachelorarbeiten darüber informiert, was wirklich Sache ist. Und tatsächlich: es haben sich schon Wissenschaftler in Amerika und England mit der „best side“ ernsthaft in recht langatmigen und zum Teil auch sehr langweiligen Abhandlungen damit beschäftigt. Gibt es die “Schokoladenseite”? Die Antworten dringen tief in das Reich der Psychologie ein und sind zum Teil weder leicht verständlich noch leicht verdaulich. So ähnlich wie eine Folge “Germany´s Next Top-Model” in etwa.

Konkret geht es also um die Schokoladenseite von Menschen. „Diese Seite ist meine Schokoladenseite“ ist auch in meinem Alltag einer der am häufigsten von meinen Kunden spontan formulierten Sätze wenn es um das finale Posen vor der Kamera geht – gleich nach dem am allermeisten lange vor Fototerminen geäußerten „aber ich bin doch überhaupt nicht fotogen“. Im Gegensatz zu Letzterem, in dem vor allem bei jungen Frauen häufig eine gute Portion Sorge und Schutz vor einer möglichen eigenen Verletzlichkeit steckt („ich komm zwar hier grad nicht mehr weg, aber wenn ich jetzt felsenfest behaupte, dass ich auf Fotos nie gut aussehe, brauch ich auch nachher vor den bestimmt gräßlichen Ergebnissen keine Angst zu haben und kann sagen: siehste, ich hab´s doch gleich gesagt…“) ist das Thema der Schokoladenseite nicht ganz so sensibel. Ich versuchs euch mal in ein paar nackten Zahlen zu erklären, die doch recht aussagekräftig sind.

Was zunächst einmal jeder weiss ist, dass sich die zwei Gesichtshälften eines Menschen immer unterscheiden. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Bei einigen Wenigen sind die Unterschiede marginal, bei den Allermeisten jedoch eindeutig erkennbar. Augengröße und -winkel, Mundwinkel, Nasenbiegung, Wangenform und tatsächlich auch die gesamte Gesichtsform können von einer Seite zur Anderen Abweichungen zeigen. Klar kann das schon wichtig bei der Festlegung der eigenen Schokoladenseite sein – es kommt aber noch ein ganz wesentlicher Punkt hinzu, der – so sagen es die Wissenschaftler – eigentlich die Hauptrolle bei der Entscheidung spielt: die unterschiedliche Ausbildung von Gesichtsmuskulatur und Nervenbahnen in jeder Gesichtshälfte. Ähnlich wie es im motorischen Alltag Rechts- und Linkshänder gibt, hat auch das Gesicht eine bevorzugte, eine „stärkere“ Hälfte und eine weniger starke. Das zu wissen ist in diesem Zusammenhang deshalb so wichtig, weil es die Mimik in einem einzigen Moment auf jeder Seite ziemlich unterschiedlich ausfallen lassen kann. Auf Fotos wirkt für einen selbst dann oft die eine Seite optisch etwas weicher und sanfter während die andere Seite etwas härter „maskenhafter“ und bei Männern natürlich auch maskuliner erscheint. Das Model selbst spürt auch meistens den Unterschied m Zusammenspiel von Motorik und Nerven und hat dann von vorneherein den Eindruck, auf einer Seite gelänge ein lockerer Gesichtsausdruck leichter, während es auf der anderen Seite schwieriger und verkrampfter anfühlt.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch ein Unterschied zwischen den Geschlechtern bei der Bewertung dieser Tatsache. Draussen beim Shooting wird die überwiegende Mehrheit der jungen Frauen ihre „weibliche“, weichere Seite bevorzugen und als „Schokoladenseite“ angeben, während die Mehrheit der Männer eher ihre kantige Seite herzeigen möchten.

Spannend wird das dann, wenn wir die persönliche Ausprägung von Menschen mit in die Begutachtung holen. Denn dann sagt die Statistik dass tatsächlich auch 75 % der Frauen, die nicht dem klassischen „weichen“ weiblichen Typus entsprechen, die also mit etwas herberem Kinn, härteren Wangenknochen burschikoserem Auftreten usw… ausgestattet sind, unwillkürlich ihre maskuline Seite bevorzugen. Bei Frauen des klassischen zarten Typus sind es nur  15 %, dem Rest ist es egal. Funktioniert den Wissenschaftlern zufolge auch bei Menschen, deren Gesichtshälften nur ganz marginal voneinander abweichen. Verrückt, oder?

Bei einer von der American Psychological Association in Washington  im Jahre 2015 in Auftrag gegebenen Studio waren sich 95 % der 450 Washingtoner Probantinnen und Probanten bei einer namentlichen Befragung von vorneherein durchaus darüber bewusst, dass ihre Gesichtshälften Unterschiede aufwiesen und gaben in einem unauffällig gestalteten Fragebogen spontan eine „Schokoladenseite“ an. Dann wurde den Probanten vermittelt, für eine Projektkartei müssten noch Kopffotos von Ihnen gemacht werden. Interessanterweise stellten sich beim anschliessenden Fotoshooting 95 % spontan zuerst mit ihrer “Schokoladenseite” zur Kamera, auf die Bitte des Fotografen, sich mit der anderen Seite zur Kamera zu drehen taten dies wiederum 92 % völlig gelassen, ohne Widerspruch und ohne weitere Präferenzen zu zeigen. Nur 8 % – ausnahmslos Frauen – machten teilweise sehr nachdrücklich deutlich, dass sie auch nur von dieser einen Seite fotografiert werden möchten.

Das wirklich Interessante passierte allerdings nach dem Shooting: jeder Teilnehmer / jede Teilnehmerin bekam eine kleine Mappe mit je zwei Aufnahmen von halb-links, zwei von halbrechts und  durfte sich 2 Minuten Zeit lassen, 1 Bild davon als Favoriten auszuwählen. Und siehe da: 94 % wählten spontan genau die Bilder aus, die die vorher schon abgefragte Schokoladenseite zeigten. Bei der späteren Befragung, wie Ihnen denn die Bilder von der “anderen Seite” gefallen hätten gaben 65 % tiefe Ablehnung gegenüber den verschmähten Aufnahmen an (dazu zählen Antworten die die Worte “hässlich”, ” und “bääh” beinhalteten), 15 % nannten die Bilder “unschön” im Sinn von unharmonisch, 10 % “hat mir halt nicht so gefallen” und der Rest hatte “keine Ahnung warum” er / sie die Bilder nicht ansprechend fand.

Dass der eigene Eindruck dabei nicht immer dem Eindruck der Bildbetrachter entspricht, zeigt eine Befragung, die im Anschluss an dieses Projekt in der Innenstadt von Washington D. C. stattfand. Zufällig ausgewählten Passanten wurden aus der Gruppe der 450 Probanten Bilder vorgelegt. Jedem Passanten von 10 wiederum zufällig ausgewählten Probanten je ein Bild von rechts und ein Bild von Links. Es zeigte sich Erstaunliches: nur 45 % der Passanten favorisierten die Bilder, die auch die Fotografierten selbst ausgewählt hatten, der Rest entschied sich für die jeweils andere Variante. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass der Eindruck einer “Schokoladenseite” nicht generalisiert werden darf. Bildbetrachter haben ihre eigenen Vorstellungen, ihr eigenes “Schönheitsideal” entwickelt und zeigen ein zum Teil erheblich unterschiedliches Bewertungsschema, das – so die Wissenschaftler – davon geprägt sein dürfte, wie man sich einen Menschen unbewusst selbst vorstellt oder vorstellen will. Ob man einen Menschen von der eigenen Grundeinstellung, vielleicht auch aus den eigenen Erfahrungen und der eigenen Erziehung heraus eher “weich und freundlich” oder “kantig und herb” sehen mag. Aber das führt nun wirklich in die Tiefenpsychologie und soll hier nicht weiter vertieft werden.

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